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Steigende Tabaksteuer, mehr illegaler Handel? 5 Fragen an Tammo  Körner

Illegale Zigarettenfabriken in Industriehallen, E‑Zigaretten „unter der Theke“, die mit regulären Produkten kaum noch vergleichbar sind, und Nikotinbeutel, die offiziell gar nicht verkauft werden dürfen und dennoch überall auftauchen: Der illegale Handel mit Tabak‑ und Nikotinprodukten ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ein wachsendes Geschäftsfeld der organisierten Kriminalität. Die Debatte um steigende Tabaksteuern lenkt den Blick auf diese Entwicklung zusätzlich. Was kann Deutschland tun, um den Schwarzmarkt wirksam zurückzudrängen?

Tammo Körner, Head Fiscal Affairs & Illicit Trade Prevention bei Philip Morris Deutschland, beschäftigt sich genau mit dieser Schattenökonomie. Er geht der Frage nach, wo diese Märkte entstehen, warum sie wachsen – und an welchen politischen Stellschrauben gedreht werden muss, um der organisierten Kriminalität wirksam den Nährboden zu entziehen.

1. Tammo, warum ist der illegale Handel gerade jetzt so brisant?

Weil der Schwarzmarkt heute keine improvisierte Hinterhofökonomie mehr ist. Er funktioniert wie eine normale Industrie, nur eben im Verborgenen.

Kriminelle Gruppen produzieren Tabak- und Nikotinprodukte inzwischen in professionellen Anlagen, mit arbeitsteiligen Strukturen, schneller Logistik und hohen Gewinnspannen. Es geht nicht mehr um ein paar Stangen Zigaretten aus dem Kofferraum, sondern um eine industrielle Wertschöpfung, die flexibel auf Trends reagiert und Gesetzeslücken gezielt nutzt.

Hinzu kommt ein zweiter Trend: „poly crime“. Die gleichen Gruppen verdienen nicht nur mit illegalen Tabakwaren, sondern investieren ihre Erlöse in weitere kriminelle Bereiche. So stärken sie ihr Netzwerk – und ihre finanzielle Schlagkraft.

Entscheidend ist das Grundprinzip: Wo Nachfrage besteht und der legale Markt eingeschränkt wird – durch Verbote oder sehr strenge Regeln –, entsteht automatisch ein Schattenmarkt. Und dieser wächst oft schneller, als Politik und Behörden reagieren können.

2. Deutschland galt lange als wenig betroffen. Warum wird es jetzt selbst Produktionsland?

Deutschland liegt geografisch zentral in Europa und in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Absatzmärkten der organisierten Kriminalität. Die Kombination aus zahlreichen industriellen Standorten, verfügbaren Lagerhallen, guter Infrastruktur und kurzen Wegen zu Überseehäfen macht den Standort für illegale Produzenten attraktiv. Wer hier produziert, sitzt direkt an großen Märkten wie etwa Frankreich, wo aufgrund sehr hoher Besteuerung inzwischen jede vierte Zigarette illegal ist.

Die Erfahrung zeigt außerdem: Jede zusätzliche Grenze kostet Geld und erhöht das Entdeckungsrisiko. Deshalb verlagern kriminelle Strukturen ihre Produktion zunehmend dorthin, wo später verkauft wird. So entstehen auch in Deutschland immer häufiger illegale Fertigungsstätten – professionell organisiert und teilweise mit provisorischen Unterkünften direkt auf dem Gelände, um Arbeitskräfte dauerhaft vor Ort zu halten und so das Entdeckungsrisiko zu minimieren.

3. Steuerpolitik klingt trocken. Warum spielt sie eine so große Rolle?

Steuern bestimmen den Preis – und Preis bestimmt Verhalten. Wenn legale Produkte plötzlich teurer werden, weichen viele Konsumenten dorthin aus, wo sie günstiger sind: in den Schwarzmarkt oder ins Ausland.

Dasselbe passiert bei sehr strenger Regulierung oder bei Verboten: Wenn legale Produkte wegfallen, springt die organisierte Kriminalität sofort ein. Je härter der Eingriff, desto größer die Lücke – und desto attraktiver das Geschäft.

Deutschland war in vielen Jahren stabiler, weil Steueranpassungen planbar und moderat erfolgten. Länder, die sehr abrupt gehandelt haben – mit drastischen Steuererhöhungen oder umfassenden Verboten –, zeigen dagegen ein anderes Bild: Die Einnahmen steigen nicht zwingend, aber der Anteil illegaler Produkte wächst deutlich. Kurz gesagt: Gute Steuer- und Regulierungspolitik steuert Konsum – ohne illegale Märkte zu befeuern.

4. Was müsste politisch passieren, um den Schwarzmarkt wirksam einzudämmen?

Es braucht drei Dinge, die gleichzeitig wirken:

1. Stärkerer Vollzug.

Behörden können den Schwarzmarkt nur dann wirksam bekämpfen, wenn sie genug Personal, moderne Technik und klare Befugnisse haben. Der Zoll trägt zahlreiche Aufgaben – illegale Tabak- und Nikotinprodukte konkurrieren mit anderen schweren Delikten. Ohne klare Priorisierung bleibt der Kampf Stückwerk.

2. Regulierung, die in der Realität funktioniert.

Verbote klingen nach klaren Lösungen, schaffen aber oft nur einen neuen Schwarzmarkt. Wirksamer sind klare, kontrollierbare Regeln, eindeutige Kennzeichnung, Standards und ein starker Jugendschutz. Entscheidend ist, dass die Regeln vollziehbar sind.

3. Steuerpolitik mit Augenmaß.

Zu hohe Steuern treiben Konsum in illegale Kanäle, zu niedrige verfehlen ihre Wirkung. Es braucht eine Steuerlogik, die tatsächliches Verbraucherverhalten berücksichtigt und dadurch den legalen Markt stabil hält.

5. Welche Rolle kann der legale Handel spielen?

Eine größere, als viele denken.

Der stationäre Handel verfügt über erprobte Alterskontrollen und verbindliche Abgabeprozesse. Er übernimmt diese Verantwortung jeden Tag – und könnte sie in einem klar regulierten Markt weiter stärken.

Zugleich steht der Handel unter Druck: sinkende Innenstadtkundschaft, starke Konkurrenz durch den Onlinehandel. Wenn legale Produkte durch Verbote oder praxisferne Auflagen aus den Regalen verschwinden, trifft das nicht nur die Händler. Es stärkt die organisierte Kriminalität – und schwächt lokale Geschäfte, Innenstädte und den Verbraucherschutz.

Ein regulierter Markt stärkt seriösen Handel und den Jugendschutz. Ein wachsender Schwarzmarkt schwächt Städte und stärkt Kriminelle.