Wenn eine neue Studie erscheint, die E‑Zigaretten mit Krebs in Verbindung bringt, ist die Aufmerksamkeit verständlicherweise groß. Krebs ist ein Thema, das Menschen zu Recht ernst nehmen, und der Wunsch nach klaren Antworten ist legitim. Doch gute Wissenschaft liefert selten einfache Schlagzeilen. Genau das zeigt die jüngst erschienene Arbeit von Stewart et al. (Carcinogenesis, 2026).
Als Manager Scientific and Medical Affairs bei Philip Morris Deutschland verfolge ich jede relevante Studie – auch und gerade jene, die unserem eigenen Bereich kritisch gegenübersteht. Wissenschaft lebt nicht vom Konsens, sondern vom ehrlichen Hinterfragen. Deshalb ist es wichtig, einzuordnen, warum diese Publikation medial stark rezipiert wurde, in ihrer Aussagekraft jedoch aufgrund methodischer Grenzen eingeschränkt ist.
Was die Studie ist – und was sie nicht ist
Stewart et al. präsentieren keinen neuen experimentellen Befund. Es handelt sich um einen narrativen Review, also eine qualitative Zusammenfassung bereits publizierter Studien. Solche Übersichtsarbeiten sind ein anerkanntes wissenschaftliches Werkzeug – entscheidend ist jedoch die Methodik.
Mehrere Expertinnen und Experten des Science Media Centre UK – einer unabhängigen Einrichtung in London, die Journalistinnen und Journalisten bei neuen Studien wissenschaftliche Einordnungen von ausgewiesenen Fachleuten zur Verfügung stellt – bewerten die Arbeit nicht als robuste Evidenzsynthese.
Unklar bleibt,
wie die eingeschlossenen Studien identifiziert und ausgewählt wurden,
ob definierte Ein‑ und Ausschlusskriterien angewendet wurden und
ob ein vorab festgelegtes Protokoll existierte.
Fehlt diese Transparenz, steigt das Risiko eines Selektionsbias. Die Schlussfolgerungen können dadurch eher als Interpretation der Autorinnen und Autoren denn als systematische, überprüfbare Gesamtschau der Evidenz erscheinen.
Praktisch bedeutet das: Wenn nicht nachvollziehbar ist, nach welchen Regeln Studien ausgewählt wurden, kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Ergebnis durch die Auswahl selbst beeinflusst wurde. Das ist eine grundsätzliche Limitation des gewählten Ansatzes.
Der entscheidende Punkt: Gibt es Belege für Krebs beim Menschen?
Aus dieser Studie lassen sich keine belastbaren Aussagen zur Krebsentstehung beim Menschen ableiten. Es existieren praktisch keine direkten epidemiologischen Daten zur Krebsinzidenz bei ausschließlichen E‑Zigaretten‑Nutzern. Das heißt: Derzeit lässt sich wissenschaftlich nicht beantworten, ob und in welchem Ausmaß langfristiges Dampfen beim Menschen zu Krebs führt – weil die entsprechende Studienlage noch fehlt. Aktuelle systematische Reviews heben diese Limitation deutlich hervor und betonen die Störvariable des Zigarettenrauchens. [1],[2]
„Keine der herangezogenen mechanistischen Studien wurde als tatsächlicher Risikoprediktor beim Menschen validiert.“ – Peter Shields, zitiert in der Kommentierung des Science Media Centre UK
Der Review fasst stattdessen Laborstudien, Tierstudien, Biomarker‑Analysen und Fallberichte zusammen. Diese Studientypen sind wertvoll, weil sie helfen, biologische Mechanismen zu verstehen und Hypothesen zu entwickeln. Sie erlauben jedoch keine Aussagen über die tatsächliche Krebsentstehung beim Menschen. Der Weg vom Labornachweis zum klinisch relevanten Erkrankungsrisiko ist lang und erfordert eigenständige Belege.
Wo steht die Wissenschaft wirklich?
Ein weiterer Punkt wird in der öffentlichen Debatte häufig ausgeblendet: der Vergleichsmaßstab.
E‑Zigaretten werden mit Krebs in Verbindung gebracht, doch womit werden sie verglichen?
Darauf weisen die Expertinnen und Experten des Science Media Centre UK ausdrücklich hin. Für die Einordnung der Studie ist entscheidend, welcher Vergleichsmaßstab zugrunde gelegt wird und welche Art von Evidenz jeweils betrachtet wird.
Biomarker- und Expositionsdaten können zur Einordnung biologischer Unterschiede beitragen. [3],[4]
Warum das gesellschaftlich relevant ist
Diese Diskussion ist keine akademische Fingerübung. Laut einer aktuellen Befragung im Auftrag von Philip Morris Deutschland sind 54 Prozent der Raucherinnen und Raucher in Deutschland derzeit nicht motiviert, mit dem Rauchen aufzuhören. [5] Wenn die relativen Risiken rauchfreier Produkte im Vergleich zum Weiterrauchen falsch eingeordnet werden, kann dies insbesondere nicht motivierte Raucherinnen und Raucher davon abhalten, sich mit potenziell weniger schädlichen Alternativen auseinanderzusetzen, die bei vollständigem Umstieg die Schadstoffexposition deutlich reduzieren können.[7]
Klar ist: E-Zigaretten sind nicht risikofrei. Sie enthalten in der Regel Nikotin, das abhängig macht. Wer gesundheitliche Risiken vermeiden will, verzichtet am besten vollständig auf Tabak- und Nikotinprodukte.
Öffentliche Kommunikation sollte Unterschiede in Studiendesign, Aussagekraft und Evidenzniveau klar benennen und dabei weder verharmlosen noch überzeichnen. Genau davor warnen auch die Expertinnen und Experten des SMC UK.
Was gute Wissenschaftskommunikation leisten muss
Öffentliche Kommunikation sollte Unterschiede zwischen Studientypen und Evidenzniveaus klar benennen, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Ein narrativer Review ist daher nicht unbedingt Beweis. Dieser narrative Reviewallein liefert keine belastbare Grundlage für Aussagen über Krebsrisiken beim Menschen. [6] Ergebnisse aus Labor- und Tiermodellen sind nicht mit klinischen Outcomes beim Menschen gleichzusetzen.
Diese Unterschiede transparent zu machen – ohne Verharmlosung, aber auch ohne unbegründete Panikmache – ist zentrale Voraussetzung für eine informierte öffentliche Debatte. Nicht jede Schlagzeile hält einerwissenschaftlichen Prüfung stand.
Quellen
1: Emily Banks, Amelia Yazidjoglou, Grace Joshy, Electronic cigarettes and health outcomes: epidemiological and public health challenges, International Journal of Epidemiology, Volume 52, Issue 4, August 2023, Pages 984–992, https://doi.org/10.1093/ije/dyad059
2: The risk of lung cancer from vaping or e-cigarette usage: a systematic review; S. Mohapatra, A. Tiwari, A. Kandala, R. Winayak, A. Ghose, R. Das, et al. ESMO Open 2025 Vol. 10 Issue 12 DOI: 10.1016/j.esmoop.2025.105910
3: Hartmann-Boyce J, Butler AR, Theodoulou A, Onakpoya IJ, Hajek P, Bullen C, et al. Biomarkers of potential harm in people switching from smoking tobacco to exclusive e-cigarette use, dual use or abstinence: secondary analysis of Cochrane systematic review of trials of e-cigarettes for smoking cessation. Addiction. 2023;118(3):539–545. https://doi.org/10.1111/add.16063
4: Cao Y, Zhang L, Yang M, Li J, Chen X, Zheng F, Zhang J, Xu X and Liu X (2025) Assessing biomarkers of exposure to carcinogens associated with combustible cigarettes, electronic cigarettes, and heated tobacco products: a systematic review and meta-analysis. Front. Pharmacol. 16:1630961. doi: 10.3389/fphar.2025.1630961
5: Neubert C, Tewes N, Nussbaum AK. A Survey of Current Tobacco and Nicotine Product Users to Identify Barriers to Quitting Smoking in Germany. Cureus. 2025 Apr 17;17(4):e82419. doi: 10.7759/cureus.82419. PMID: 40385868; PMCID: PMC12084851.
6: Stephanie Klosterhalfen, Daniel Kotz, Sabrina Kastaun, Smokers’ perception of the comparative health risks of cigarettes, e-cigarettes and heated tobacco products: a survey among the German population, Journal of Public Health, Volume 46, Issue 3, September 2024, Pages e400–e409, https://doi.org/10.1093/pubmed/fdae068
7: Lindson N, Butler AR, McRobbie H, Bullen C, Hajek P, Wu AD, Begh R, Theodoulou A, Notley C, Rigotti NA, Turner T, Livingstone Banks J, Morris T, Hartmann-Boyce J. Electronic cigarettes for smoking cessation. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 1. Art. No.: CD010216. DOI: 10.1002/14651858.CD010216.pub9