Im Interview erklärt Tammo Körner, warum aus seiner Sicht maßvolle Steuererhöhungen oft erfolgreicher sind als große Sprünge, weshalb viele Konsumenten erhitzten Tabak bereits heute im Ausland kaufen und warum tabakfreie Nikotinbeutel zusätzliche Einnahmen für den Staat bieten könnten.
1. Tammo, warum sollte das Thema jeden, nicht nur Raucher, interessieren?
Weil es letztlich um die Frage geht, wie der Staat seine Einnahmen sichert. In den vergangenen Jahren hat die Tabaksteuer dem Bund zuverlässig Milliarden eingebracht. Der aktuelle Gesetzentwurf verfolgt das Ziel, diese Einnahmen weiter zu steigern. Aus unserer Sicht besteht jedoch das Risiko, dass die aktuell vorliegenden sehr hohen Tabaksteuersätze den gegenteiligen Effekt haben: Verbraucher weichen auf günstigere Angebote im Ausland oder auf illegale Produkte aus.
2. Gab es das schon einmal?
Ja. Ein vergleichbares Experiment gab es bereits zwischen 2002 und 2005. Damals wurde die Tabaksteuer in mehreren Schritten um durchschnittlich rund 13 Prozent pro Jahr erhöht.¹ Die Folgen waren deutlich: Der legale Zigarettenabsatz brach um mehr als ein Drittel ein¹, der Schwarzmarkt wuchs stark und immer mehr Verbraucher wichen auf Einkäufe im Ausland aus. Das sogenannte Cross-Border-Volumen verdoppelte sich auf über 20 Prozent des Gesamtmarktes.²
Gleichzeitig blieb der Anteil der Raucher nahezu unverändert und sank lediglich von 23,5 Prozent im Jahr 2003 auf 22,9 Prozent im Jahr 2005.³ Die gesundheitspolitischen Ziele wurden damit kaum erreicht.
Auch fiskalisch blieb die Entwicklung hinter den Erwartungen zurück: Die Tabaksteuereinnahmen lagen in diesem Zeitraum kumuliert rund 8,4 Milliarden Euro unter den Prognosen.⁴ Das Beispiel zeigt, dass überproportionale Steuererhöhungen zwar den legalen Markt erheblich schrumpfen lassen, jedoch nicht automatisch zu weniger Rauchern oder höheren Staatseinnahmen führen.
3. Was heißt das konkret?
Erstens nehmen legale Ausweichkäufe im günstigeren Ausland zu, insbesondere in Osteuropa. Je größer der steuerbedingte Preisunterschied zu Deutschland wird, desto attraktiver werden grenzüberschreitende Einkäufe.
Zweitens profitiert der Schwarzmarkt von diesem Preisgefälle. Frankreich zeigt, wohin eine solche Entwicklung führen kann: Nach jahrelangen starken Steuererhöhungen wird inzwischen mehr als die Hälfte der dort konsumierten Zigaretten nicht mehr in Frankreich versteuert.⁵ Gleichzeitig hat der illegale Handel erheblich an Bedeutung gewonnen.
Die Folgen treffen die gesamte legale Wertschöpfungskette von der Industrie bis zum Handel.
Deshalb plädieren wir für einen ausgewogenen und planbaren Steuerpfad mit moderaten jährlichen Anpassungen statt sprunghafter Erhöhungen. Dies schützt Staatseinnahmen, begrenzt Fehlanreize und verhindert Wettbewerbsverzerrungen zulasten des legalen Marktes.
4. Welche Rolle spielt die Besteuerung von erhitztem Tabak?
Schon heute wird jeder dritte in Deutschland konsumierte Tabakstick nicht hier versteuert.⁶ Deutschland besteuert ihn mit 80⁷︎ Prozent des Zigarettenniveaus, EU-weit sind es ca. 50 Prozent durchschnittlich.⁸︎ Steigt die Zigarettensteuer, steigt automatisch auch die Steuer auf erhitzten Tabak in Deutschland. Dadurch wächst das Preisgefälle zu den Nachbarstaaten weiter, sodass künftig mehr als die Hälfte der konsumierten Tabaksticks im Ausland gekauft werden könnten. Eine wettbewerbsfähigere Besteuerung auf europäischem Niveau würde hierzulande versteuerte Absatzmengen stärken, zusätzliche Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe ermöglichen und zugleich Wertschöpfung in einem Bereich sichern, in dem deutsche Unternehmen bei Entwicklung und Maschinenbau eine entscheidende Rolle spielen.
5. Wo siehst du zusätzliche Potenziale für Staatseinnahmen?
Beispiel Nikotinbeutel: Rund 1,5 Millionen Menschen nutzen sie⁹, doch wegen eines faktischen Verkaufsverbots läuft der Handel im Graubereich. Jeder sechste Shop bietet laut einer Handelsanalyse von Ipsos im Auftrag von Philip Morris sie unter der Theke an, ein Drittel der Produkte aus der Stichprobe davon ist gefälscht.¹⁰ Eine Legalisierung mit Besteuerung würde diese Produkte in einen kontrollierten Markt holen, den Jugend- und Verbraucherschutz stärken und dem Staat im Schnitt rund 500 Millionen Euro pro Jahr bringen. ¹¹ 15 EU-Staaten haben Nikotinbeutel längst reguliert.
6. Dein Fazit?
Aus unserer Sicht braucht es drei Dinge: Erstens maßvolle Steuererhöhungen bei Zigaretten statt großer Sprünge. Zweitens ein wettbewerbsfähiges Steuerniveau für erhitzten Tabak, damit Produkte wieder stärker in Deutschland gekauft werden. Und drittens eine Regulierung von Nikotinbeuteln, um einen bestehenden Graumarkt in einen regulierten Markt zu überführen. So ließen sich Einnahmen sichern und neue Potenziale erschließen.
Quellen:
1: Statistische Bundesamt (Tabaksteuerstatistik).
2: DZV, HWWI, KPMG Project Star 2006.
3: Statistisches Bundesamt (Destatis): Mikrozensus – Fragen zur Gesundheit: Rauchgewohnheiten der Bevölkerung 2003 und 2005.
4: Statistische Bundesamt (Tabaksteuerstatistik); Arbeitskreis Steuerschätzungen.
5: KPMG LLP (2026): Illicit Cigarette Consumption in Europe. Results for the Calendar Year 2025. Studie im Auftrag von Philip Morris
6: IQOS Owner Panel.
7: Tabaksteuergesetz.
8: Europäische Kommission - Directorate-General for Taxation and Customs Union.
9: BfR (2023): ”ne dicke Lippe riskieren?” – Nikotinbeutel, in: BfR2GO, 1/2023, S. 32-35.
10: Ipsos (2025): Bundesweite Handelsanalyse zur Verfügbarkeit tabakfreier Nikotinbeutel in Deutschland, durchgeführt im Auftrag von Philip Morris International (PMI)
11: Eigene Berechnungen